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In Berlin und anderen größeren Städten ist die Wohnungssuche oft nervenaufreibend: Einer großen Nachfrage steht ein bedeutend kleineres Angebot gegenüber. Düsseldorf, München, Hamburg, Frankfurt oder Berlin – wer hier eine Wohnung finden will, braucht einen langen Atem, unerschöpfliche Geduld, ein wenig Glück und gute Beziehungen. Oder einen Tipp, wo Wohnraum gerade leer steht und vielleicht in absehbarer Zeit wieder seinem eigentlichen Zweck, Menschen ein Zuhause zu bieten, dienen kann.

Dieser Tipp könnte von einem Onlineportal wie Leerstandsmelder.de kommen. Virtuelle Orte, an denen Informationen über nicht genutzte reale Immobilien gesammelt und veröffentlicht werden. Leerstandsmelder.de hat als Schwerpunkt Hamburg, wird aber mittlerweile auch überregional genutzt. Leerstand089.de bietet seinen Service für den Münchner Raum. Beide Portale listen Immobilien, die über einen längeren Zeitraum hinweg leer stehen und nicht bewohnt werden. Was und wer steckt hinter diesen Portalen?

Mietwohnungen: In der Regel stehen 2 bis 3 Prozent leer

Zwei bis drei Prozent aller bewohnbaren Objekte stehen für einen kurzen Zeitraum von bis zu sechs Monaten leer – das weist der Zensus von 2011 aus. Der größte Anteil davon ist ohne Nutzung aufgrund einer geplanten Sanierung oder weil die Suche nach einem geeigneten Mieter etwas länger dauert.

Dieser Leerstand fließt in die Erhebungen mit ein, obwohl die meisten Objekte also nur kurzzeitig nicht zu Wohnzwecken genutzt werden und hier nicht von dauerhaftem Leerstand gesprochen werden kann. Matthias Waltersbacher, Referatsleiter für Wohnungs- und Immobilienmärkte beim Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) hält diese Menge für notwendig, um die übliche Fluktuation von Mietern reibungslos zu ermöglichen.

Auch zeigt der gemittelte Wert der Leerstände bei Wohnimmobilien Abweichungen: Der Wert ist geringer in nachgefragten Gebieten – und weist nach oben vorwiegend im ländlichen Raum. Allerdings ergeben bei einem entsprechend hohen Mietwohnungsbestand einer Metropolenregion selbst Leerstandsmarken von unter einem Prozent eine Menge an ungenutztem Wohnraum, die durchaus beachtlich ist: Für eine Stadt wie München wären das immerhin etwa 17 000 Wohnungen.

Unvermietet – für einen Leerstand gibt es Gründe

Diejenigen, die eine neue Wohnung suchen, wären froh, wenn eine als leer stehend gemeldete Wohnung das zukünftige Zuhause werden könnte. Denn die nicht genutzten Wohnungen sind vielfach in einem guten Zustand. Die Gründe für den Verzicht auf wirtschaftliche Nutzung sind durchaus unterschiedlicher Natur und nur selten wartet eine leere Wohnung auf eine Luxussanierung aus starkem Profitinteresse.

Bei vielen der langfristig leer stehenden Immobilien handelt es sich um Objekte, deren Vermarktung die Fähigkeiten der Besitzer überfordern. Ältere Eigner trauen sich die Organisation notwendiger Sanierungen nicht zu oder möchten sich diesen Belastungen nicht mehr aussetzen. Mitunter gehört nicht genutzter Wohnraum auch einer Erbengemeinschaft, die sich über die zu ergreifenden Maßnahmen nicht einigen kann.

Auch Wohnungen aus kommunalen Beständen sind unter den leer stehenden Wohnungen zu finden – meist, weil Ämter und städtische Unternehmen nicht koordiniert einander zuarbeiten, die Kostenfrage für geplante Baumaßnahmen nicht geklärt ist oder Vorschriften die Arbeiten behindern.

Aus Leerstand wieder Wohnraum machen – das Ziel der Leerstandsmelder

Dauerhafter Leerstand schadet der Bausubstanz: Wo weder gelüftet noch geheizt wird, entstehen Schäden durch Feuchtigkeit. Nicht ausgeführte Reparaturen lassen die Bausubstanz verfallen. Es sollte also durchaus im Interesse von Privatbesitzern und Kommunen sein, langen Leerstand zu vermeiden.

Als Leiterin des Hamburger Denkmalschutzamtes ärgerte sich die Architektin Kristina Sassenscheidt über lange nicht genutzten Wohnraum. Und sie sann auf Abhilfe. Ihre Idee: Eine Plattform, auf der jeder leer stehende Wohnungen melden kann. In Stadtplaner Michael Ziehl fand Kristina Sassenscheidt einen Mitstreiter für dieses Projekt und seit Dezember 2010 ist die Seite Leerstandsmelder.de freigeschaltet.

Leerstandsmelder.de funktioniert und finanziert sich wie ein Franchise-Unternehmen. Für einen feststehenden Beitrag von 200 Euro können andere Kommunen den Leerstandsmelder.de benutzen. Mehr als 30 Städte fanden die Idee gut und machten mit – auch Berlin, Stuttgart oder Basel.

Für die Region um München, das einen besonders angespannten Wohnungsmarkt hat, gibt es mit Leerstand089.de seit Mitte 2015 einen eigenen Leerstandsmelder. Initiiert wurde die Seite von der Journalistin Lisa Rüffer. Zusammen mit Max Heisler vom Münchener „Bündnis Bezahlbares Wohnen“ betreibt sie nun eigene Recherche und leitet ein ehrenamtliches Team, das die gemeldeten Leerstände prüft.

Leerstandsmelder.de lebt von der Aufmerksamkeit Einzelner und versteht sich auch als Plattform, die dort aktiv wird, wo die Politik einen blinden Fleck aufweist. Martin zur Nedden, Direktor des Deutschen Instituts für Urbanistik, bezeichnet das Engagement für die Wiedergewinnung von Wohnraum aus Leerstand als bürgerliche Selbstermächtigung und als eine neue Tendenz innerhalb städtischer Entwicklung.

Leerstand089.de macht auch die Hintergründe für den Leerstand öffentlich. Zurzeit ist dies wohl die einzige Plattform, der solche Informationen entnommen werden können, denn es gibt in Deutschland kein einheitliches öffentliches Register für dauerhaft nicht genutzten Wohnraum. Anhand der bei Leerstand089.de gelisteten Beispiele ungenutzter Wohngebäude lässt sich auch die Komplexität des Themas erfassen: Von den Mühen einer Ausschreibung bis hin zu Genehmigung und Finanzierung wird hier deutlich, welche Hürden genommen werden müssen, um diese Wohnungen wieder zu Wohnzwecken nutzen zu können.

Über Leerstand089.de und Leerstandsmelder.de wird eine Öffentlichkeit sensibilisiert für dieses Thema. Hier wird nachvollziehbar, was sich sonst der Aufmerksamkeit entzieht. Besonders bei Wohnraum im öffentlichen Besitz können diese Portale auch für eine schnellere Bearbeitung sorgen: Die Augen der Öffentlichkeit sind hier ein willkommenes Korrektiv für allzu langsam mahlende Verwaltungsmühlen. In Hamburg hat das Portal von Kristina Sassenscheidt dazu geführt, dass seit 2013 Gebäude vom Eigentümer gemeldet werden müssen, die länger als drei Monate leer stehen.

Portale wie Leerstandsmelder.de werden nicht die Probleme überhitzter Immobilienmärkte lösen, aber die Aufmerksamkeit, die die Leerstandsmelder für das Thema schaffen, könnte auch in den städtischen Verwaltungen dazu führen, dass mehr Personal bereitgestellt wird, Leerstand als Wohnraum zurückzugewinnen. Erste Anzeichen dafür gibt es bereits: Für die Bürger soll zukünftig nach Vorstellung der SPD eine Beschwerdestelle eingerichtet werden, die Angaben zu zweckentfremdeten Wohnraum überprüft.

1 Comment

  1. Tobi sagt:

    Habe gestern Leerstandsmelder089 im Netz entdeckt… Das ist eine super Sache, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Als Fotograf hatte ich mich vor zwei Jahren selbständig gemacht. Ich suchte damals zum Start ein kleine Bürofläche als Adresse. Fotografieren tue ich ausschließlich in Mietstudios oder eben draussen.

    Durch einen totalen Zufall, ich besuchte eine Bekannte in Giesing, sah ich dort einen kleinen Laden, in dem ein Callshop rausgegangen war. Es sah etwas wüst aus, die Immobilie stand 5 Monate leer und der Vermieter wollte erst noch alles wieder renovieren.

    Ich hab ihn überzeugt, dass ich dort sofort rein könnte und mit Eigenleistung die Ladenfläche wieder flott mache. Das coole war, dass hinten noch eine Küche und Bad vorhanden waren. So ein Objekt wäre auch für den Leerstandsmelder optimal gewesen, weil ich glaube, viele Eigentümer sind froh, wenn kreative und motivierte Mieter kommen, die selbst renovieren… Tobi, München

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